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Allgegenwärtig in Friedrichshain durch die Hasi-Plakate, den Lovelite Club, Wasserschlachten auf der Oberbaumbrücke und Direktkandidat bei der Berlin Wahl

„Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche“

Hast du mal Häuser besetzt?
Ja, in Bremen damals 5 oder 6. Hier in Berlin die Samariter Strasse 32, Rigaer 94, das XB-Liebig, die 83, und ein paar Häuser, die nicht geklappt haben oder die es nicht mehr gibt.

In wie fern hat es dich geprägt?
Es war eine gute Schule. Man musste viel miteinander reden und regeln. Was tut man, wenn Presse kommt? Wer kriegt welches Zimmer? Einer ist zu laut, der andere muss aber früh raus. Dann muss man Regeln aufstellen im Plenum. Müssen 100% zustimmen, oder reicht die Hälfte. Ein Parlament im Kleinen.

Ich war früher mit Dose – einer meiner coolsten Freunde damals [liebe Grüße] – in ein Haus gegangen, dass jetzt das XB-Liebig ist. Mit dem Anspruch jeder hat das gleiche Recht. Dann wollten wir das erste Plenum machen, und da gab es eine ‚Elite‘, die sagte: „Nein, wir haben das vorher geplant, also sind nicht alle berechtigt zum Plenum zu gehen, sondern nur wir“. Fanden wir total lächerlich, also sind wir ins nächste Haus rein.

Gibt’s ein Lieblingsbier?
Meine Erfahrung ist, dass Geschmackssorten nur psycho sind. Wir hatten mal in dunklen Gläsern eine Verkostung gemacht, und keiner hat sein Lieblingsbier erraten. Ist ja Industrie-Bier. Da bin ich meiner Tradition verbunden und trinke, auch wenn es oft hier verpönt ist, Becks, weil ich da herkomme.

Welche Erfahrungen hast du mit Solidarität?
Es ist cool, wenn Leute sich solidarisch verhalten, gegenüber einem Laden, einer politischen Richtung, seiner Familie. Man darf aber nicht blind vertrauen. Damit bin ich oft auf die Schnauze gefallen. Viele wollen solidarisch oder sozial sein, weil es sich cool anhört, aber sind es nicht wirklich und denken da eher an sich. Es ist schnell die Gefahr, dass man solidarisch mit Sachen ist, von denen man keine Ahnung hat. Bei mir war es früher der Kampf in Nicaragua. Sowas kann man schwer überblicken mit all der Propaganda.
Ich versuche hier in Friedrichshain, bei allem was ich sehen und überblicken kann, solidarisch zu sein. Kaffee billiger rauszureichen in meinem Laden, und Reichere aufzufordern, mehr zu spendieren. Oder der 94, denen die Kohlen aus dem Keller von der Polizei gestohlen wurden, dann Geld zu sammeln.

„Ich bin damals auf dem Spielplatz bei den jungen Pionieren gelandet. Im Westen wohlgemerkt! Das hört sich ja ostig an. Das war wie eine Ersatzfamilie, die haben sich um einen gekümmert. Natürlich waren sie auch Mitglieder keschen. War dann auch damals irgendwie Kommunist, aber doch Punker. Schöner Mix. ‚Keine Sonderbehandlung für Reiche und kein Krieg‘, fand ich cool. Die soziale Nähe, was heute in der Politik oft versemmelt wird. Ich finde es auch nicht schlimm abstruse Ideen zu haben, wenn man für eine Sache steht und verfolgt, denn dadurch kommen neue Ideen auf.“

Gibt es eine Band, die nicht vergessen werden sollte?
Damals war Dead Kennedys eine revolutionäre Nummer. Grad ‚Kill the Poor‘ – tötet die Armen. Zu der Zeit war ich auch sehr politisch, totaler Punker, viel gesoffen und so. Und diese Aggressivität der Punkmusik – das Körperliche, sich auf dem Konzert zu schubsen, keinen Abstand wahren zu müssen – fand ich cool. Das hat mich aufgewühlt. Punk ist somit auch eine Plattform, in der man Aggressivität und Nähe auch ausleben darf.
Ach und auch die Ramones. Werden zwar jetzt auf allen Taschen draufgedruckt und trallala und tüllülü. Aber für mich waren es die ersten Punker.

Fühlst du dich frei?
Es gibt ja eine gesellschaftliche Freiheit, aber eben auch eine persönliche. Früher fühlte ich mich persönlich in einem Regelwerk gefangen. Die besetzen Häuser waren für mich Freiheit, da ich da nicht von einem Vermieter geplagt wurde. Und in einer Gruppe war, die nicht solche Regeln hatte. Heute fühle ich mich noch viel freier, weil ich auch meine Gefühle aufarbeite. Angewohnheiten loswerde, die mein Leben schwerer machen.

„Bei der Wasserschlacht zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, die wir organisiert haben auf der Oberbaumbrücke, hatten wir mal sonen riesen Stasi-Laster mit Lautsprechern und einen Raketenwerfer, den wir zum Wasserwerfer umgebaut hatten. Den konnte man aber nicht abschließen, und darüber lief unsere Musik. Die Kreuzberger hatten sich Unterstützung aus Hamburg geholt mit vergammelten Fisch. Und immer, wenn ich die Kassette wechseln musste und die Tür öffnete, schmissen sie. Den Fisch konnten die an der Schwanzflosse festhalten, aber hatten die Gräten nach dem Schleudern noch in der Hand. Der Rest war bei uns drinnen.“

Welche Bedeutung hatte Kleidung für dich?
Anti, anders als die anderen zu sein. Sich um Kleidung keinen Kopf zu machen, Alte, abgerissene Sachen anzuziehen, fand ich cool. Keinen Anzug oder Sport-Klamotten tragen zu müssen. ‚Wozu ne Kleidermode haben‘, dachte ich mir. Obwohl Punker zu sein, auch eine Mode ist. Es war natürlich auch um meiner Gruppe dazugehörig zu fühlen. Dass jemand mir die Haare so frisiert hat – wie ein Aufnahmeritual.

War es ein Zeichen des Individualismus?
Manche Menschen versuchen in der Masse nicht aufzufallen, und dadurch Schutz zu haben. Wenn man Punk wählt, hat man eine Extrem-Form gewählt. Ich musste mein Leben nicht planen für den Lebenslauf. Sondern ich war der kleine verwirrte Punker. Ich fand es schön, Outsider zu sein, nicht dazu zu gehören. Ich fand es gut mich absetzen zu können und die Regelwerke nicht übernehmen zu müssen. Neue zu entdecken.

„Man darf nicht nur an sich denken, oder an seine Gruppe. Ich versuche auch den Frieden in der Gesellschaft zu wahren. Ein paar Sachen gehen natürlich nicht, aber ein Kompromiss, der keinem wehtut, sollte versucht werden.
Es gibt aber auch Widersprüche. Die Gesellschaft sagt, hier soll ja alles so toll sein, wir so frei, die anderen die Bösen. Bei z.B. den Kommunisten war es umgekehrt. Und es können ja nicht beide Recht haben. Durch die Diskussionen bekommt man schnell Propaganda-Arten mit. Das kann ich jedem empfehlen. Es tat gut sich mit dem Widerspruch auseinanderzusetzen.“

Was ist dein Lieblingstier?
Da mein Wahlkampf, und fast schon mein ganzes Leben aus Hase besteht, müsste ich eigentlich Hase sagen. Aber ich nehme mal den Elefanten.

Hast du einen Ratschlag für Punks?
Was ich schwierig finde ist die Selbstmedikation. Saufen, sich Drogen reinzuschmeissen und zu kiffen gehört natürlich dazu, und kann man keinen von abbringen. Es ist aber die größte Kunst da aufzupassen, dass man darin nicht hängen bleibt. Das verbindet einen natürlich in der Gruppe. Da kann ich aber nur empfehlen, die Eigen-Medikation so hinzukriegen, dass man da wieder rauskommt. Ich brauchte das früher auch mal, zu trinken und somit wegzuhauen, aber ich hätte auch Alkoholiker werden können. Dann könnte ich nicht mehr so viel reden wie jetzt. Ich kenne genug Leute, die nicht mehr gut drauf sind oder gestorben sind.
Also Leute, haut rein und habt Spaß, aber vergesst nicht, dass es auch gefährlich ist.